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Konzertfotografie – Konzertberichte – Rezensionen

Konzertbericht Coppelius / Kammgarn Kaiserslautern

klein_cellolitis1 klein_cellolitis2Aah, endlich wieder auf Reisen!

Der Hut, besser gesagt der Zylinder, meldet sich zurück.
Auf dem Kopf der K. von Koriolis durfte ich heute ein ganz besonderes Stück Kultur genießen.

COPPELIUS – den betagteren Herrschaften unter Ihnen sicher ein Begriff, zumindest jenen, die bereits an der Eröffnung der ersten Marzipanfabrik anno 1806 teilnahmen. Das Sahnehäubchen auf dem musikalischen i ist die VorbandCellolitis, bestehend aus Nikolaus und der wohlgeformten Umbra.

Die Herren Coppelius halten sich seit nunmehr gut 200 Jahren dank ausgiebigem Absinthgenuss und täglichem Gumbagubanga-Tanzen erstaunlich fit und beglücken die neuste Generation ihrer Hörer mit ungewohnten Klängen, wie sie sonst selten aus Celli, Kontrabässen und Klarinetten zu hören sind.

Als Kind allesamt in den großen Topf mit dem Wahnsinn gefallen, entstiegen sie diesem mit fulminantem Getöse aus vielerlei Klangkörpern und mit wahnwitziger Mimik.

Aber beginnen wir vorn, bevor ich mich vor Freude gleich selbst zusammenklappe.

Ein kurzer Sprint durch den Regen bescherte uns nur kurze Blicke auf das Kammgarn, eine alteunter Denkmalschutz stehende Industriestätte mit hohem Backsteinturm, die seit den 80er-Jahren nebst Fachhochschule und Gartenschau Kultur verschiedenster Art beherbergt. Nun werden im Innern nicht mehr Textilien, sondern Träume gewoben und einem solchen wohnten wir bei.

Den Auftakt machten zwei Herrschaften aus Berlin: Der schlaksige Cellist Nikolaus Herdiekerhoff und seine (eine) Freundin aus Holz namens Umbra füllen das Kammgarn mit gar wunderlichen Klängen. Wer je zweifelte, ob ein Mann und sein Cello ausreichen, eine zwei- bis dreihundertköpfige Meute zum Aufgehen in der Musik zu bringen, dem werden diese Zweifel schnell aus den Ohren und dem Bauch gespielt.
Dieser Mann kann es! Sich selbst auf dem Cello begleitend, spielt er eine Tonspur nach der anderen live ein und begleitet sich selbst in immer größerer Klangfülle. Dass dabei durchaus mal sein Spiel fortgeführt wird, während er sich am Kopf kratzt, führt zu Erheiterung im Publikum und ist Teil der Show. Trotz der großen Klänge durch Verstärker & Co. wirkt der Auftritt spontan, ehrlich und hat den Straßenmusiker-Charme noch nicht verloren. Von düsteren Klängen bis harmonischen Weisen ist alles dabei, und ob nun Angela Merkel uns aus dem Off erschreckt oder das Cello vor Freude quietscht – man wird hier Zeuge einer durchaus harmonischen Beziehung. Möge da mal die andere Freundin (aus Fleisch und Blut) nicht eifersüchtig werden! Normalerweise erlaubt es keine Frau, dass ihr Freund einem anderen weiblichen Wesen solche Klänge entlockt wie Nikolaus seiner Umbra.
Selbst ganz bezaubert von der Begeisterung, die von Anfang an im Publikum herrschte, gaben Cellodame und Cellist einen hervorragenden Auftakt, so dass auch die angekündigten anderthalb Stunden des schreckenerregenden Übungsstückes schnell vergehen. Besonderes Schmankerl: Le Comte Caspar in voller Bühnenmontur ließ sich zu einem gemeinsamen Stück „Begala e vena“ blicken. „Vena läuft weg“ – wir werden das bestimmt nicht tun!

So harren meine Artgenossen und ich auf den zahlreichen Köpfen der Anwesenden des Hauptacts, der noch eine ganze Weile auf sich warten lässt. Durchaus verständlich, denn immerhin müssen fünf Herren gebügelt und gestriegelt und für ihren Auftritt gnädig gestimmt werden – und das nur von einem Diener! Dieser sichtet auch vorab die dunkle Bühne, nur mit einem kleinen Lichtlein bewaffnet und gibt sie endlich frei für – COPPELIUS!
Volle Energie voraus, dieser Satz wurde nicht im 22. Jahrhundert von Captain Kirk erfunden, nein bereits drei Jahrhunderte vorher wurde dies schon von einigen Musikern zelebriert, die immer für eine Überraschung gut sind. Die umfangreiche Bühnenshow gehört dazu und so kommen wir in den Genuss eines verschmitzt grinsenden Dieners Bastille, der sich das Schlagwerk des Herren Nobusama unter den rostigen Nagel reißt. Der lässt sichs gern gefallen, darf er doch so einmal in voller Mantelpracht auf der Bühne posieren und seine Stimme hören lassen – zum schönen Stück „Running free“, das unverschämterweise anderthalb Jahrhunderte später von einer ungewaschenen Hochstapler-Gruppe namens Iron Maiden geklaut wurde.
Bald befinden sich jedoch alle wieder an ihrer gewohnten Position – will heißen, die Klarinettisten Comte Caspar und Max Coppella springen mehr oder weniger synchron an allen möglichen und unmöglichen Stellen auf, über und hinter der Bühne herum, flankiert von den Holzstreich-Virtuosen Graf Lindorf am Cello und Sissy Voss am Kontrabass, die neben ihren Instrumenten auch ihre Gesichtszüge zu ungeahnten Entgleisungen führen. Nobusama thront hinter seinen mannigfaltigen Schlagzeugen, die stilecht von einer wahrhaft altbackenen Beleuchtung inszeniert sind. Diener Bastille tupft Schweiß und Sektflecken, manchmal auch mit demselben Tuch, füllt den Flüssigkeitshaushalt der Herren mit allerlei Getränken auf und singt nebenbei einen Gutteil der Stücke. Dabei wird auch immer wieder das Publikum zum Einsatz gebeten, auch wenn das Wort Gum-Ba-Gu-Ban-Ga für viele etwas zu hoch scheint. Macht nichts, was man nicht singen kann, tanzt man und unter Anleitung des allzeit bereiten Allround-Bediensteten Bastille tut sich der Traditionskreis zu Ehren des Zauberers Gumbagubanga auf.

Man bewundert während des Konzerts nicht nur das minutiöseZusammenspiel, sondern auch die auf den Punkt choreografierte Show. Max Coppella läuft scheinbar vertieft in eines der zahlreichen Klarinettenduelle mit dem Comte auf der Bühne herum, um taktgenau für seinen Einsatz wieder am Mikrofon vorbeizukommen. Der gegenseitige Dünkel und die edelmännische Konkurrenz, in der die Herren stehen, wird genüsslich zelebriert. Während inwohlgewandeter Aufmachung der Schein der Einigkeit durch Ellbogenstöße zum Bröckeln gebracht wird, singt die illustre Runde auf deutsch oder englisch von den morbiden Seiten des Daseins. Dieser Kontrast macht einen großen Reiz der Show aus, die allen Beteiligten Raum für ihre Darstellung gibt. So wechseln sie sich nicht nur bei der gesanglichen Darbietung ab, auch die reinen Instrumentalisten bekommen ausgiebige Solos eingeräumt. Damit der gemeine Zuschauer dies auch gebührend wahrnimmt, wuselt noch eine weitere Randgestalt der coppelianischen Welt durchs Bild: Professor Mosh Terpin, zuständig für spontane On-Show-Reparaturen, Bedienung des Cembalos, Ganzkörpereinsätze zur Fleckentfernung und eben auch der Bekanntmachung per Schild. „Intermezzo“ im Anmarsch. Nobusama trommelt sich und uns in Trance und hat das Publikum fest im Griff, das seine Anbetung durch erstaunlich synchrone Nobu-sa-ma-Rufe zum Ausdruck bringt, auch wenn uns dies das Missfallen des Butlers einbringt.
Das Bühnenspektakel ist wirklich allumfassend. Es werden Blumen zerbissen, Sekt mehr oder weniger zielsicher in Münder gegossen, Becken geschlagen und reizende Damen aus dem Publikum zum Triangel-Schlag auf die Bühne gebeten.
Aber nicht nur krachende Haarschüttel-Töne beherrschen die gutgekleideten Herren, zu ruhigeren Stücken wie „1916“ und dem standardmäßigen Finalsong „Ade mein Lieb“ lauscht das Publikum andächtig, eine Kerze wird von Hand zu Hand gereicht und zum Schluss begeben wir uns rheumatisch zu Boden, um Abschied zu nehmen von Fräcken, Zylindern, den Abgründen der menschlichen Seele und virtuoser Gesichtsakrobatik. Doch werte Herren, lasst euch gesagt sein: Und geh’n wir auch, wir kehr’n zurück, sein es auch 10.000 Meilen.

Bericht von K von Koriolis