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Konzertfotografie – Konzertberichte – Rezensionen

Rezension „Coppelius – Extrablatt“

CoverExtrablatt! Extrablatt!

Neuigkeiten erster Klanggüte! Kaum 200 Jahre ist es her, da taten sich die Gründerväter des gepflegten Kammercore zusammen und brauten in ihren düsteren Hallen gar „rasende Musik“ (Zitat E.T.A Hoffmann). Die Welt scheint wie im Wahn, denn gerade einmal drei Jahre sind seit dem letzten „Zinnober“ vergangen, und schon wieder lässt sich ein druckfrisches Werk aus dem Hause Coppelius in den Händen halten. Da lohnt fast ein Abonnement.

In der Zwischenzeit waren die fünf Herren nebst Butler schwer beschäftigt mit zahlreichen Auftritten und musikalischen sowie Duellier-Experimenten. Umso erfreulicher ist es, dass keine Ermüdungserscheinungen auftreten – das neue Stück coppelianischer Musikgeschichte kommt angenehm rasant daher. In der Sonderausgabe zeitungsähnlicher Manier warten nebst einem allerliebst gestalteten Faltblatt zahlreiche rhythmusgeladene Stücke voller Energie und Tempo, wie man sie von Coppelius kennt und liebt.

Hat man die Scheibe aus ihrer grafisch ausgereiften und charmanten Zeitungsverpackung befreit, bleibt nur noch das Einlegen in den modernen Grammophonspieler und: Öhrchen aufgesperrt!

FlyerWas zirpt so leis‘ und poetisch ins Ohr – aber ja, die Spieldose ist’s! Jedoch – harsche Kritik, ein jeder sollte sich an die Nase fassen, falls er noch weiß, wo diese liegt. Wir stieren nur mehr auf unsere kleinen Geräte und laufen so an der größten Liebe vorbei, so verkündet der Herren Butler. Nicht genug der Kritik, es rauscht die Welt im Wahn vorüber, der Reichtum bis zur Dekadenz lässt den Reichen fast erbrechen vor Überdruss und der moderne Ellenbogen-Mensch, der so gerne Speichel leckt, kriegt auch ein ordentliches Quentchen Fett weg. Holla, die grüne Fee, das sind deutliche Worte, gerade von den Herren, die sonst der modernen Welt gerne den befrackten Rücken zeigen und sich gepflegt vor dem Frühstück duellieren.

Aber keine Sorge, es wären nicht die Herren von Coppelius, wenn sie nicht der Damen Vorzüge aufs Herzlichste besingen würden und die Liebe zu – leider meist vergebenen Herzensdamen – wird genüsslich zelebriert. Auch wenn die ein oder andere Liebste in gewohnter Manier danach nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Die zahlreichen tempostarken Stücke werden um einige melodische und melancholische Balladen ergänzt, und das Subway-to-Sally-Cover Maria ist sicher ein würdiger Anwärter für einen herzensbrechenden Konzert-Abschluss. Drei englische Titel strecken leise die musikalischen Fühler in die internationale Welt aus – so, endlich, der wunderbare Coppelius-Klassiker Running Free.

Musikalisch – was soll man sagen. Wo schon dem guten E.T.A. die Ohren schlackerten, können unsere eigentlich nur noch vor Verzücken abfallen. Deutlich erkennt man den coppelianischen Geist auf den ersten Klang: Den typischen tiefen Rhythmen von Cello und Kontrabass bleibt Coppelius in seinem neuen Werk ebenso treu wie den wilden Läufen der Klarinetten und klaren Stimmen. Dennoch – vieles wird eingängiger. Die Instrumente weben feine Linien umeinander, aber deutlich erkennbar und prägnanter als bei manchen früheren Werken. Die Herren sind – so das überhaupt möglich ist – noch erwachsener geworden. Ihre Virtuosität und der Abwechslungsreichtum besteht darin, dass jeder seinen Platz kennt und sich dennoch einen Spaß daraus macht, diesen zu verlassen und froh herumzuspringen. Kennt man dies schon aus dem Sanatorium, so endet die vorliegende Veröffentlichung mit dem liebgewonnenen coppelianischen Mumpitz. Liebe Kinder, Finger weg von meinem Absinth!

Aber bevor wir zuviel verraten, der langen Rede kurzer Sinn, das Fazit: Poesie mit Getöse. Wer gerne rhythmisch den Kopf schüttelt und des Metals süße Härte liebt, wird bei Coppelius ebenso fündig wie der Liebhaber gepflegten Musizierens. Denn bei allem Übermut und elektrischer Verstärkung bleibt deutlich: Hier werden klassische Instrumente beherrscht! Klanglich gereift, abwechslungsreich und optisch stimmig lässt dieses Werk wenig zu wünschen übrig. Ein Wermutstropfen (ja, der wird auch gekippt!) ist lediglich, dass die Hälfte der Lieder bereits vorab bekannt war und trotz zahlreicher Stoßgebete die wundervolle Klavierversion des „Rightful King“ es nicht aufs Album geschafft hat. Aber wer die Herren kennt, weiß dass sie für die ein oder andere Überraschung gut sind und so bleibt die gespannte Erwartung, was sich ihre verrückten Köpfe unter den hohen Hüten als nächstes ausdenken.

Text: K. von Koriolis

 


 

Gesamtnote: 9 von 10
Klang: 10 von 10 (abwechslungsreiche Stücke, saubere Aufnahmen mit einem famosen Tonabnehmer^^)
Texte: 9 von 10 (pointierte, ironische Texte, meist stilistisch einwandfrei)
Optik: 9 von 10 (grafisch und optisch sehr ausgereift, lediglich die Schrift im Booklet ist ohne Monokel schwer zu entziffern)
Liedauswahl: 10 von 10 (ausgewogene Mischung aus treibenden, schnellen Stücken und Balladen)

Artwork

Tracklist:

01. Spieldose
02. Welt im Wahn
03. Reichtum
04. Bitten Danken Petitieren
05. Locked Out
06. Butterblume
07. Keine Kamera
08. I’d Change Everything
09. Glanz und Eleganz
10. Glaubtet Ihr?
11. Mitten ins Herz
12. Running Free
13. Geschwind
14. Maria

Aktueller Zinnober: Ein Videowettbewerb zum neuen Stück „Reichtum“

Silberlinge vorbestellen: Beim coppelianischen Händler (dessen Postkutsche immer ein wenig ihrer Zeit voraus ist)