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Konzertfotografie – Konzertberichte – Rezensionen

„Coppelius ausgestöpselt“ und ein makabrer Tanz

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Ein Wochenende ganz unter coppelianischem Stern – mit einer Doppelpack-Veranstaltung für Freitag und Samstag, erfreulicherweise auch im Kombiticket zu erwerben. Es ging los am Freitag Abend in der sehr überschaubaren TheArter Gallery, einer sehr gemütlichen und familiären Location im tiefsten östlichen Berlin Lichtenberg, aber per S-Bahn sehr gut zu erreichen. Getränke, Licht, Merch und Kasse tummelten sich nebst schwarz behängten Bänken und Stühlen auf kleinstem Raum, was von Anfang an für Tuchfühlung sorgte. Nun sind die coppelianischen Fans zum Glück kein bisschen kontaktscheu, so wurde das Gewimmel auf den Bänken zum fröhlichen Bekanntschaftmachen genutzt und die Stimmung war bereits vor Beginn sehr ausgelassen. Die tollen Getränkepreise waren daran nicht ganz unschuldig. Den Auftakt machte der einigen schon wohlbekannte Szene-Verhöhner Christian von Aster, der die schwarzen Gestalten seit Jahren mit scharfem Blick beobachtet, um sie dann mit spitzer Feder und Zunge satirisch zu sezieren. Gekonnt vorgetragen brachten die ausgefeilten Texte die Menge zum Johlen, fühlte sich doch manch einer bei Erzählungen von Patchouli-umwölkten Lack- und Lederdamen fortgeschrittenen Alters an eigene Erfahrungen erinnert.

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In der Pause gab es Bücher zu erwerben und zu signieren, allerdings nutzten viele die kurze Unterbrechung, um dem alten Laster des Sauerstoff-Genusses nachzugehen, welches in der Enge des Clubs leider nicht gestattet ist. Bis dato waren allerdings keine Verluste zu beklagen, so dass es alsbald weitergehen konnte mit den Gästen des Abends, den Herren nebst Butler von Coppelius, die in ungekannter Form unplugged ihre Kunst unter Beweis stellten. „Coppelius ausgestöpselt“ war ein Hochgenuss. Alte wie neue Stücke in unbekanntem Klangkleid, oftmals bewusst noch verändert und in bis dahin nicht bekannter Form vorgetragen, sorgten für Gänsehaut beim Publikum und sichtlicher Freude bei der Kapelle. Besonderes Schmankerl war ein bislang nicht veröffentliches Stück, aber auch Klassiker wie Gumbagubanga bekamen ein völlig neues Percussiongewand, und das obwohl der Herr Nobusama einmal nicht hinter seinem Schlagwerk, sondern auf einem schlichten Cajon saß. Es wurde aber nicht nur Musik vorgetragen, sondern unter Leitung von Ina Kass vom Rocklabor-Radio wurden die Herren zu aktuellen Themen befragt. Sich gegen fünf anarchische Herren

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und ihren bisweilen schlecht gelaunten Butler durchzusetzen, schien nicht immer ganz leicht, aber ein großer Topf Bowle entschädigte für vieles. Die Frage zu neuen musikalischen Tonträgern wurde von Comte Caspar in gewohnt nebulöser Weise möglichst ungenau beantwortet, aber es klang ein Versprechen nach Neuigkeiten durch. Vielleicht die seit langem geforderte Live-DVD?

Die kulinarischen Gelüste der Anwesenden wurde auf höchst charmante und groteske Weise durch fiese kleine rote Getränke und einen großen Klops Hackfleisch befriedigt, welcher vom Butler kredenzt und auf einem Tablett durchs Publikum wanderte, auch Bowle wurde großzügig ausgeschenkt, man teilte Glas und Gabel. Ein weiterer Beitrag des

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Abends war die Präsentation der Videographie-Wettbewerb-Gewinner eines von Coppelius ausgelobten Wettbewerbes um das Stück „Reichtum“ von der neuen Platte „Extrablatt“. Die Gewinnervideos wurden auf Leinwand gezeigt, während ein kurzer Abriss der Entstehung besprochen wurde. Sieger des Wettbewerbs wurde Sarah G. mit ihrer witzigen Stop-Motion-Erzählung der Abenteuer des kleinen Lego Comte. Gegen später erklommen weitere mutige Fanatiker das Podium, stellten Fragen an die Band und tranken Bowle. So erfuhren wir, dass Herr Nobusama die Lieder am meisten bevorzugt, bei welchen er in Ruhe lauschen kann, da sein Schlagwerk schweigt. Herr Graf Lindorf plauderte aus dem Nähkästchen, wenn er nicht gerade mit seinem Cellobogen nach Bowlefrüchten tauchte und alles in allem lernte man die Herren Coppelius auf sehr persönliche und ehrliche Art kennen. Ein Abend der besonderen Art mit Liebhaber-Siegel für alle wahren Fans!

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Am Samstag erwartete uns ein Tanz der etwas anderen Art – La Danse Macabre im Ballhaus Berlin. Organisiert von der illustren Truppe von GothUnited, lokalisiert im alten und sehr pittoresken Ballhaus im Bezirk Mitte. Gut gelegen und sogar mit angrenzendem Hostel versehen, konnte man sich perfekt auf das Bekleiden konzentrieren, denn die Gäste hatten einem gehobenen Dresscode zu gehorchen. „Zeigt, was hinter eurer Maske steckt, welch dunkle Seite ihr des Tags verhüllt“ – man durfte sich auf angenehm exzentrische Gesellschaft freuen. Vom Buckligen über Sukkuben, tote Augenhöhlen und wild gehörnte Schönheiten bis hin zum unvermeidlichen Exorzisten war alles vertreten und gekonnt inszeniert.

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Das Ballhaus mit seinem im Stil der 20er-Jahre gehaltenen, teils originalen Interieur verströmte ein ganz eigenes Flair, von der Spiegelwand über die pittoreske Wendeltreppe bis hin zu original Tischtelefonen. Welche Freude, als sich herausstellte, dass diese tatsächlich funktionstüchtig waren! Tisch 17 ruft Tisch 46 zum coppelianischen Buffet! Die Fanatikerschaft hatte sich mal wieder nicht lumpen lassen und für das dem Ball vorausgehende Fanatikertreffen eine wahre Flut an Kaffeeshots und anderen Leckereien mitgebracht, wodurch kaum auffiel, dass die Location selbst keine kulinarisch-makabren Genüsse zu bieten hatte.

IMG_6736Doch nicht genug – neben Fressalien wartete die erste fanatisch-fantastische Coppeliade auf willige Teilnehmer. Vier Teams unter der Schirmherrschaft je eines coppelianischen Herren stellten sich mit vollem Körpereinsatz den scherzhaften und temporeichen Aufgaben. Vom Tee-Duell, das das Team um Sissy Voss nicht ganz überraschenderweise für sich entschied bis zu einem Butlerlauf und musikalischen Fragen gab es ungefähr eine Stunde lang viel zu lachen und zu erleben. Im Anschluss wurde das Ballhaus für die restlichen schauderhaften Gestalten geöffnet und mit Musik und Tanz ging es in den makabren Abend. Die Veranstalter boten ihren Gästen neben Seifenblasenkünstler und Walzertanzkurs mehrere Live-Acts sowie einen Fotostand, an dem man sich vor passender Kulisse professionell und kostenfrei ablichten lassen konnte.

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Die Gruppierung „Stimmgewalt“ trug einige ihrer Stücke vor und man durfte Comte Caspar noch einmal an den Tasten bewundern. Die Musik war angenehm gemischt, lediglich auf Lieder der Herren Coppelius wurde vergeblich gewartet und die wenigen Walzer ließen jedesmal die ganze gehörnte Bande aufs Parkett stürzen. Die Tanzfläche war bis in die späten Nachtstunden gut gefüllt und das vielfältige Getränkeangebot ließ wenig Wünsche offen. Fazit: Ein gelungener Abend, der trotz einigem Chaos in positiver Erinnerung bleiben wird! Die nächste Coppeliade kann kommen!

Text: K. von Koriolis

www.coppelius.eu
www.thearter.de
www.vonaster.de
www.gothunited.de

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