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Schattenmann-Album Rezension

Bevor diese Rezension gelesen wird, möchte ich etwas über deren Autor (mich) vorwegnehmen. Ich selbst spiele seit ca. 21 Jahren diverse Instrumente und habe in vielen verschiedenen Projekten als Intrumentalist gewirkt. Musikalisch haben mich die Bereiche (Mittelalter-)Rock, (Skate-) Punk, Klassik und Trailer-/Filmusik geprägt. Mit dem Genre der NDH habe ich durch Bands, wie Eisbrecher oder Hämatom Bekanntschaft gemacht. Aufgrund dieser Erfahrungen denke ich, dass einige Beurteilungen kritischer sein könnten, als sie wirklich sind. Doch nun genug zu den erklärenden Worten für diese Rezension, starten wir mit dem Lauschen der Musik. Dazu setzen wir nun unsere Kopfhörer auf, um allen Nuancen der Musik zu folgen.

Der Sänger George Michael geht von diesem Planeten, ein LKW fährt in einen Berliner Weihnachtsmarkt und Donald Trump wird zum 45. Präsidenten der USA gewählt. Wir schreiben das Jahr 2016 und nicht alle Ereignisse sind unumstritten, doch wo Schatten ist, ist auch Licht. Sicherlich haben diese Gedanken, wie auch weitere aktuelle Probleme dazu geführt, dass die Nürnberger Band Schattenmann entstand. Wir schreiben nun das Jahr 2018 und die im vergangenen Jahr entstandenen Texte, wurden in ein musikalisches Gewand gepackt, aufgezeichnet und bald veröffentlicht. „Licht An“ heißt das Debüt-Album. Angekündigt als „NDH 2.0“ durch Einflüsse aus Industrial und Metal, werden wir in dieser Rezension allen Beschreibungen genau auf den Grund gehen.

Vorhang auf, „Licht An“, möge die Musik beginnen!

Das Album „Licht An“ beginnt mit elektronischen Syntieklängen. Eine musikalisch wichtige Rolle spielen bis zur Bridge die elektronischen Elemente. Die Bridge wird untermalt mit harten Gitarrenklängen, um anschließend wieder die elektronischen Klänge in den Vordergrund zu stellen. Stimmlich kommen Assoziationen zum Sänger Teufel von Tanzwut. Auch allgemein könnte man hier eine Parallele zu Tanzwut ziehen, wobei die Dudelsäcke fehlen. Textlich beschreibt das Lied den Zwiespalt zwischen Licht und Schatten in der Seele und den Gedanken von Jedermann.

Weiter geht es mit „Brennendes Eis.“  Klanglich und gesanglich kommen nun mehrere Stimmen ins Gewicht und im Refrain wird der Tonumfang der Stimme von  Frank deutlich. Musikalisch kann man drei verschiedene Stile erkennen. Einerseits die NDH, partiell eine Mischung aus Heavy Metal, aber auch Pop. Ein Gitarrensolo nach der Bridge leitet in den Refrain. Dieses hätte gern etwas länger sein können. Dieses Lied hat definitiv Ohrwurm-Charakter.

Das dritte Lied trägt den Namen „Gekentert“ und erinnert bei den ersten Tönen vom Volumen und Sustain der Musik ein wenig an Eisbrecher. Stimmlich hört man klaren Gesang, der ein wenig mehr Volumen und Enthusiasmus/Gefühl haben könnte. Textlich gesehen beschreibt Schattenmann hier einerseits den inneren Zwiespalt, immer auf dem Weg zu bleiben und sich aber neu zu verlieben, andererseits, kann ihn nur ein Kuss von „dir“ erretten. Hierbei wirft sich die Frage auf, ob mit „dir“ das zweite Ich gemeint ist, eine frühere „Beziehung“ oder eine Zukünftige.

„Zahn der Zeit“ beschreibt das vierte Lied. Dieses startet mit Klavierklängen, die mehr Tiefe vertragen könnten und leider auch mit etwas lustlosem, klaren Gesang. Dies kann möglicherweise daran liegen, dass die Betonung der Silben ab und an falsch gewählt ist und auch eine „zu genaue“ Aussprache der Worte lassen den Gesang ein wenig gefühlskalt wirken. Beschrieben wird die Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen und den Erlebnissen, die das Leben bringt, wobei „Der Zahn der Zeit“ sowohl Wunden entstehen, aber auch heilen lassen kann.

Weiter geht es mit „AMOK“ und einer Mischung aus stark abgehackt gespielten Gitarren, mit einem verwirrend anmutenden Keyboard-Sound. Der Rhythmusgruppe, um Schlagzeug und Bass, kommt hier eine wichtige musikalische Rolle zu, welche jedoch ein wenig mehr Sustain/Fülle vertragen könnten. Doch verkörpert das Lied eine aggressive Grundhaltung, welche die ver(w)irrte Gefühlswelt und Ansicht eines AMOK-Täters beschreiben könnte.

Kommen wir nun zu dem Lied, über welches es ein Musikvideo gibt, „Generation Sex.“ Thematisch beschreibt die Band hier den teilweisen zu freien Umgang und der Bedeutung von Sex. Es spielt keine Rolle mehr, ob man in einer Beziehung ist oder ähnliches. Sex ist ein „ganz normaler“ Zeitvertreib für Jung und Alt, vergleichbar mit einem Spaziergang. Ob das Nachspielen von Sexszenen oder auch die Einnahme von Viagra, seitdem man 16 ist. Dieses Lied trifft den Zahn der Zeit. TV an und schon zeigt sich Werbung für Tinder, C-Date und andere. Die Überspitzung der Anspielungen findet man musikalisch, gesanglich im Refrain. Die jugendlich, kindliche Stimme, welche die Wort „Generation Sex“ wiederholt, zeigt, die vorher beschriebene Bedeutungslosigkeit von Sex und zeigt im Gegenzug auch, dass man aktuell schon in jungen Jahren mit dem Thema konfrontiert wird und eine „Normalität“ dafür entsteht.

„9mm“ ist der Titel des siebten Liedes. Mit der Angabe von neun Millimetern, assoziiert man sofort den Durchmesser einer Pistolenkugel und fragt sich, was dies mit einem Lied zu tun hat. Schattenmann präsentiert eine Person, welche durch eine zweite Person betrogen wurde und beschreibt auch die Folgen, welche die betrogene Person zu durchleben hatte. Als eine der Folgen, tritt der Extremfall ein und die betrogene Person drückt ab. Musikalisch orientiert sich dieses Lied stilistisch an vorangegangenen Liedern.

Der Titel des anschließenden Liedes ist „Krieger des Lichts“ und beim Lesen des Titels kommen sofort die Melodien von Silbermond, Joachim Witt, Frei.Wild, Filmtitel, Buchtitel und gefühlt tausend andere Dinge in den Sinn. Der Beginn des Liedes erinnert ein wenig an das Pendant von Joachim Witt. Der Grundsatz bei den genannten Liedern ist, dass sich Jeder erheben soll, um etwas Gutes zu tun.

„Trümmer und Staub“ beschreibt mit sanfteren Klängen eine zerbrochene Beziehung und wie sich der noch liebende mit den Hinterlassenschaften des ehemaligen Partners fühlt.

Das zehnte Lied ist gleichnamig zur Band. „Schattenmann“ lässt Interpretationsspielraum für verschiedene Szenarien. Das hier wohl am Zutreffendste, ist das Verlangen nach Drogen. Die Abhängigkeit/Droge (Schattenmann) lässt jede Vorsicht, vor allen negativen Folgen vergessen und man gibt sich ohne Gefahrbewusstsein allem hin.

Als erster Bonustitel erklingt  „Böser Mann.“ Dies ist eine Vertonung des (Kinder)Spiels „Wer hat Angst vorm Bösen/Schwarzen Mann.“ Der Text und der Hintergrund des Spiels lässt enormen Spielraum für politische Interpretationen, was durchaus gewollt zu sein scheint.

Der zweite Bonustitel ist „Rot“ und beschreibt die Macht der Liebe als Parasit, oder auch Virus, welcher das Benehmen und die Gewohnheiten beeinflusst und verändert. Das Ablegen alter Gewohnheiten und das Verlangen, welches mit dem „verlieben“ entstehen kann, werden beschrieben.

Als weiterer Bonus steht der Song „Gekentert“ als unplugged-Version zur Verfügung. Dieser wird begleitet von einer Westerngitarre, Bassgitarre und Schlagzeug und später einem Keyboard mit Orchesterbegleitung. Die hierbei ansteigende Instrumentierung ist sehr gut gelungen.

Möchte man das Album in wenigen Worten zusammenfassen, dann zeigt sich musikalisch gesehen im Vergleich zu anderen Bands der Szene wenig Neues. Der Liedaufbau im gesamten Album ist (man möchte fast szenetypisch schreiben) in nahezu jedem Lied gleich. Bis auf zwei Lieder, beginnen diese mit einem elektronischen Intro (I), anschließend Strophe (A), Refrain (B), Strophe (A), Refrain (B), Bridge(C), Refrain(B) – also IABABCB. „Zahn der Zeit“ mit einem Klavierintro und „Generation Sex“ mit dem mädchenhaften Gesang unterscheiden sich vom Rest. Weiterhin zeigen Schattenmann, die zu erwartenden Grundlagen der NDH, entsprechend anderen, bekannten Bands. Neues kann man musikalisch wenig entdecken, da die Gitarren im Sound eher dumpf und mit wenig Sustain, wie es für die NDH sonst üblich ist, klingen. Gesanglich kommen die Lieder teilweise zu „gepresst“ und zu unnatürlich herüber. Textlich gesehen zeigen Schattenmann mit den gewählten Themen Aktualität, aber auch ihrem Namen entsprechend verruchte, zwielichtige,  psychologisch unausgesprochene Themen. Trotz der vorangegangenen Worte ist definitiv zu sagen, dass Schattenmann viel Arbeit und Energie in dieses Album gesteckt hat und dies honoriert werden sollte. Songs, wie „Licht An“, „Generation Sex“, „Zahn der Zeit“ und „Brennendes Eis“ bleiben in Erinnerung und haben das Potential öfter gehört zu werden. Auch die musikalische Abwechslung zwischen ruhigeren und flotteren Liedern ist gut gewählt. Zudem handelt es sich um das erste Album der Gruppe.

Letztlich muss ich an der jetzigen Stelle zugeben, was mir beim Schreiben dieser Rezension auffällt ist, dass mit mehrmaligem Hören die Musik und was man hört Lust auf mehr macht.

 Offen bleibt nun die Frage, „Handelt es sich um NDH 2.0?“

Wie oben beschrieben, hat mich diese Szene nicht geprägt oder ähnliches, daher möchte ich erklärende Sätze hierzu verlieren. Jede (neue) Band versucht in ihrer Entstehung und in ihrer Entwicklung etwas Neues zu kreieren,  um sich von sich selbst oder anderen abzuheben. Schattenmann versuchen sich in einer Musikrichtung zu etablieren, die durch Synthieklänge und Keyboards alles möglich macht und in der es scheinbar schon Alles gibt. In wenigen der Lieder kann musikalisch einen Lichtblick bezüglich NDH 2.0 gesehen werden, doch um sich vollständig als NDH 2.0 abzuheben, ist musikalisch mehr nötig, wobei wir auf zukünftige Alben gespannt bleiben können.

Band Informationen:

Frank Herzig (Vocals), Jan Suk (Guitar), Luke Shook (Bass), Nils Kinzig (Drums)

Album Informationen:

01 Licht An 03:36
02  Brennendes Eis 03:26
03 Gekentert 04:04
04 Zahn der Zeit 04:19
05 AMOK 03:54
06 Generation Sex 03:11
07 9mm 03:32
08 Krieger des Lichts 04:31
09 Trümmer und Staub 03:40
10 Schattenmann 04:34
11 Böser Mann Bonus 03:38
12 Rot Bonus 03:55
13 Gekentert (unplugged) Bonus 03:35

Tourdaten:

Schattenmann w/Megaherz Sat, 03. Mar 2018 CH Pratteln Z7
Schattenmann w/Megaherz Sun, 04. Mar 2018 DE Stuttgart Das Cann
Schattenmann w/Megaherz Thu, 08. Mar 2018 DE Frankfurt Batschkapp
Schattenmann w/Megaherz Fri, 09. Mar 2018 DE Hannover Musikzentrum
Schattenmann w/Megaherz Thu, 15. Mar 2018 AT Wien Szene
Schattenmann w/Megaherz Fri, 16. Mar 2018 DE Nürnberg Hirsch
Schattenmann w/Megaherz Sat, 17. Mar 2018 DE Berlin Columbia Theater
Schattenmann w/Megaherz Thu, 22. Mar 2018 DE Hamburg Markthalle
Schattenmann w/Megaherz Fri, 23. Mar 2018 DE Oberhausen Turbinenhalle II
Schattenmann w/Megaherz Sat, 24. Mar 2018 DE Leipzig Hellraiser
Schattenmann w/Megaherz Sat, 14. Apr 2018 DE München Backstage Werk
Schattenmann w/Megaherz Sat, 28. Apr 2018 DE Magdeburg Factory

Bericht: Benjamin Mielke – benny@dark-pictures.org

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